Griechenland

Wir lassen uns das dagegegnsein nicht verbieten

Günther Altenburg 1941 – 1943:

Günther Altenburg at the Nuremberg Trials [public domain] http://commons.wikimedia.org/wiki/File:G%C3%BCnther_Altenburg_at_the_Nuremberg_Trials.jpg

In Griechenland ist die britische Armee mit einem großen Kontingent vertreten. Dies macht Griechenland de facto zu einem Teil der Alliierten und der Staat wird von den Nazis auch von Anfang des Krieges an als ein Gegner angesehen. Allerdings haben die Deutschen zuerst nicht wirklich Interesse an einer Besetzung Griechenlands. Anders ist das bei den Italienern, die schon seit weit vor dem Krieg Albanien und Rhodos besetzt halten. Griechenland liegt genau zwischen diesen italienischen Kolonien und ist somit ein logisches Okkupationsziel. Nun erreicht aber Italien in Griechenland keine Ausweitung seines Kolonialreiches, sondern nur eine blutige Nase. So muss Deutschland eingreifen und die Wehrmacht stoppt bei ihrem Balkanfeldzug nicht an der Grenze zu Griechenland sondern marschiert weiter bis Athen. Die durch den zwar erfolgreichen, aber Kräfte raubenden Krieg gegen Italien (15.000 tote und 40.000 versehrte Soldaten) geschwächte griechische Armee hat den Nazis und den diese unterstützenden Bulgaren nichts mehr entgegenzusetzen. Erst auf Kreta treffen die Deutschen auf ernsthaften militärischen Widerstand, auf britischen. Dieser wird aber durch eine blutige Schlacht niedergerungen.Griechenland wird nun eingeteilt in drei Besatzungszonen. Deutschland übernimmt Athen und Thessaloniki inklusive deren Umgebung, einige Inseln, sowie nach der Schlacht um Kreta die westlichen 2/3 dieser Insel. Bulgarien wird die Verwaltung des schon seit den Balkankriegen beanspruchten Westthrakien übertragen und Italien kontrolliert den ganzen Rest, also die ländlichen Regionen des Festlands und die meisten Inseln.

Deutschland beansprucht für das gesamte Land die Oberherrschaft und das Recht zur wirtschaftlichen Ausbeutung. Die Italiener und Bulgaren haben somit nur Polizeiaufgaben. Das führt zu kleinen Verstimmungen zwischen Mussolini und Hitler, der Duce muss aber Kleinbei geben, denn schließlich ist es der italienischen Armee, im Gegensatz zur deutschen Wehrmacht, nicht gelungen den griechischen Widerstand zu brechen. Nebenbei sei noch erwähnt, dass sich um die Besetzung Griechenlands in faschistischen Kreisen die Theorie gebildet hat, dass wenn Deutschland nicht gezwungen gewesen wäre hier einzugreifen, Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion gewonnen hätte. Denn nur durch diese durch die italienische Niederlage ausgelöste Verzögerung landet die Wehrmacht im russischen Winter. Ohne die Verzögerung hingegen hätte man Stalingrad, Leningrad und Moskau schon im Herbst 42 eingenommen. Diese Geschichtsschreibung ist sehr beliebt bei deutschen Neonazis, wird aber sicherlich auch von den Leuten die in Griechenland heute noch den Ohi!-Tag feiern, gern gehört.

Jedenfalls übernimmt 1941 Altenburg die Kontrolle über Griechenland. Es handelt sich bei diesem Faschisten um einen in Königsberg geborenen Juristen und Diplomaten, der zwischen 1930 und 1933 Mitglied der DVP war. Er arrangiert sich mit der Naziherrschaft, die gerade seine Partei verboten hat, und bleibt im Diplomatendienst. 1934 ist er so als Botschafter in Wien und dort führend beteiligt beim Putschversuch gegen die Regierung Dollfuß, bei dem zwar der österreichische Kanzler getötet wird, die Nazis aber die Macht nicht übernehmen können. Altenburg wird, nachdem er also in Österreich gescheitert ist, nach Berlin zurückgerufen und arbeitet im Außenministerium. Nun tritt er auch der NSDAP bei und ist einer der Bürokraten, die das Münchner Abkommen aushandeln. Auch beteiligt ist Altenburg bei den Verhandlungen um einen Beitritt Jugoslawiens zu den Achsenmächten. Nachdem dann aber die jugoslawische Monarchie einwilligt ein Verbündeter Nazideutschlands zu sein, wird es von der Wehrmacht besetzt und Altenburgs Arbeit war somit sinnlos. Man versetzt ihn nach Athen, wo er zum „Bevollmächtigten des Reichs“ ernannt und somit der mächtigste Mann in Griechenland neben der Wehrmachtsführung wird. Neben Wehrmacht und Altenburg wird auch eine Kollaborationsregierung eingerichtet, die die Funktion hat die Dekrete der Besatzer zu unterschreiben.

Deutschland herrscht mittels einer zivilmilitärischen Junta gebildet aus Wehrmachtsangehörigen und Vertretern der großen deutschen Industrie. Besonders stark involviert sind hier die Logistikkonzerne Stinnes und Schenker.

In der ersten Zeit der Besatzung besteht die deutsche Politik im Wesentlichen aus der Ausplünderung des Landes. 60% des Tabaks, 51% des Mais, 50% der Gerste, 40% des Weizens und nahezu die gesamte Baumwollernte von 1941 wird requiriert und in Richtung Deutschland abtransportiert. Auch alle Maschinerie, Eisenbahnen, Stahl, Schiffe und das sich im Land befindliche Silber (Geldmünzen) werden nach Deutschland gebracht. Zudem wird die Staatskasse geplündert indem Deutschland Griechenland zwingt die Kosten für den Transport der griechischen Güter zu tragen und eine „Kriegsanleihe“ zu zahlen. All das ist von Deutschland nie zurückgezahlt worden.

Die Folgen der Wirtschaftspolitik der deutschen Besatzer sind dramatisch. Es bricht eine Hungersnot aus, der schätzungsweise 300.000 Menschen zum Opfer fallen.

Diese Hungersnot ist die größte der griechischen Geschichte. Sie wird international bekannt und wird beantwortet mit Hilfsleistungen der neutralen Staaten Türkei und Schweden und des Roten Kreuz. Diese Hilfslieferungen werden allerdings überwacht durch die deutschen Besatzer und zu einem großen Teil requiriert und nach Deutschland abtransportiert. Eine wirkliche Verbesserung der Lebensmittelversorgung tritt erst ein durch Erfolge der Partisanen, die in den befreiten Gebieten die Landwirtschaft wiederbeleben und die Produkte unter der Bevölkerung verteilen.

Während die griechische Bevölkerung durch Hunger dezimiert wird, leitet Altenburg die Vernichtung der griechischen Juden. Bis 1943 ist Thessaloniki, die Stadt in der die meisten der griechischen Juden lebten, „judenfrei“. In Thessaloniki leben 1942 50.000 sephardische Juden, die nun in Auschwitz vergast werden. Die Deportation der Athener Juden hingegen kann 1943 durch einen Generalstreik verhindert werden.

Es bilden sich sofort nach der Besetzung militärische Einheiten, die die Besatzer bekämpfen. Selbst in den Städten ist die Macht der Besatzer brüchig. Nicht nur, dass die Vernichtung der Athener Juden nicht durchgeführt werden kann, auch der Versuch in Griechenland Kriegsmaterial für Nordafrika und die Ostfront zu produzieren wird durch Terror- und Sabotageakte verhindert. Für diesen Plan Griechenland als Produktionsland zu nutzen war es auch selten dämlich 1941 den Großteil des griechischen Kapitals aus dem Land zu entfernen. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Nazis keinen sinnvollen Plan hatten, wie sie die Eroberung der Welt organisieren sollen und ihre Politik ausschließlich auf stumpfer, dämlicher und unkoordinierter Gewalt beruht.

Im Juli 1943 sind die Italiener in Griechenland besiegt und damit die ländlichen Regionen befreit. Die Deutschen reagieren auf den Wegfall des italienischen Verbündeten mit grausamen Vernichtungsaktionen. Die Einwohner mehrerer Orte, die durch die Widerstandsgruppen befreit wurden und nun von den Deutschen wieder besetzt werden, werden vollständig ermordet.

Zudem wird Griechenland in dieser Zeit der wohl erste Schauplatz des „Kalten Kriegs“. Die Partisanen bestehen vor allem aus Kommunisten, Griechenland ist aber für die Nachkriegszeit für den westlichen Block vorgesehen. Daher muss aus alliierter Perspektive (auch die der Sowjetunion) eine Selbstbefreiung Griechenlands durch die kommunistischen Partisanen verhindert werden, was langjährige militärische Auseinandersetzungen erfordert, in die die Alliierten auch mit direkter militärischer Gewalt eingreifen. Die griechischen Kämpfer gegen die Kommunisten bilden sich einerseits aus den bürgerlichen Partisanen und andererseits aus den „Sicherheitsbataillonen“, die 1943 durch Altenburg und die Kollaborationsregierung gegründet werden. Die Sicherheitsbataillone sind der SS untergeordnet und erreichen eine Stärke von 22.000 Mann.

So lange die Deutschen noch da sind, ist die Situation in Griechenland daher etwas unübersichtlich. Die Deutschen bekämpfen zwar genau wie die Briten die Kommunisten, jedoch gibt es zu dieser Zeit noch keine direkte Zusammenarbeit zwischen den Faschisten und den Alliierten, da die griechischen Faschisten mit den Nazis kollaborieren.

Bevor es mit diesen Kämpfen um die Nachkriegsausrichtung Griechenlands richtig losgeht, wird Altenburg als Bevollmächtigter des Reichs durch einen anderen Diplomaten abgelöst.

Altenburg wird nach Wien versetzt, wo er die durch die Rote Armee vertriebenen Regierungen aus Rumänien und Bulgarien betreut. 1945 wird er festgenommen, aber nicht angeklagt. Er sagt aus bei den Nürnberger Prozessen, wird aber nie für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen. Altenburg wird Vertreter der bundesdeutschen Industrie bei der Internationalen Handelskammer und lebt bis 1984 unbehelligt in Bonn.

Autor: Linus Deitermann

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