Estland

Estland

Konstantin Päts 1933 – 1940:

Päts 1938 [public domain] http://commons.wikimedia.org/wiki/File:P%C3%A4ts_1938.jpg

Und schon wieder er. Es ist dies ein letzter Versuch der Konservativen den Parlamentarismus aufrecht zu erhalten. Mehrheiten im Parlament waren nicht mehr vorhanden und dann wird gewählt und die Nazis der Vaps Bewegung bekommen die meisten Stimmen. Anders als die Trottel in Deutschland in ähnlicher Situation macht man in Estland keinen Eiertanz und übergibt den Barbaren dann die Macht sondern es finden sich einige beherzte Leute, die das Parlament vor Zusammenkommen der gewählten Deputierten auflösen, Vaps und alle anderen Parteien verbieten und eine Militärdiktatur errichten. An der Spitze dieses antifaschistischen Staatsstreichs stehen das Staatsoberhaupt Päts und der Militärchef Laidoner. Bis 1935 sind praktische alle Führer der Vaps verhaftet und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Da gleichzeitig die Krise langsam abebbt, ist die Bewegung damit zerschlagen und überhaupt die faschistische Gefahr überwunden.Der Staat übernimmt in dieser Zeit die Kontrolle über die Kirche, den Unternehmerverband, die Gewerkschaften, die Presse und die Universitäten. Zudem werden die Schlüsselindustrie und die wesentlichen Banken verstaatlicht. Hierüber kann das öffentliche Leben und die Wirtschaft durch die Regierung gelenkt werden. So wird einerseits das in den 20er Jahren blühende kulturelle Leben zerstört, was aber Mitte der 30er in Estland kaum jemanden interessiert. Andererseits gelingt es über die de facto eingeführte Planwirtschaft die Wirtschaftskrise zu überwinden. Neben der Planung hilft auch die Abwertung des Kronen die Exportwirtschaft wiederzubeleben.

Estland ist damit dabei sich von der Krise zu erholen und die Faschisten sind auch niedergeschlagen. Die innere Lage lässt so eine Rückkehr zu einer demokratischen Ordnung, sowie die Wiederherstellung der Meinungsfreiheit möglich und sinnvoll erscheinen. Und Päts geht auch tatsächlich in diese Richtung. Ab 1937 gibt es wieder ein Parlament und mehrere Parteien. Es wird eine neue halbwegs demokratische Verfassung verabschiedet und halbfaire Präsidentschaftswahlen veranstaltet, die Päts gewinnt. 1938 gibt es zudem eine Generalamnestie für politische Häftlinge. Mehrere Hundert Kommunisten und Faschisten kommen frei. Allerdings bleibt der autoritäre Charakter des Staats trotzdem bestehen. So ist die Presse weiterhin durch strickte Zensur gegängelt, regierungskritischen Demonstrationen begegnet der Staat mit durchaus heftiger Polizeigewalt und gewerkschaftliche Rechte bestehen praktisch nicht. Letztere gab es aber auch schon vor dem Putsch von 1934 nicht.

In der Außenpolitik versucht Päts Estland neutral zu halten. Man ist ja schon in den 20ern gut damit gefahren sowohl mit der Sowjetunion, als auch mit den Bürgerlichen zusammenzuarbeiten. Dies will Päts nun auch mit den Faschisten so handhaben. Es gibt daher in den 30ern durchaus freundschaftliche Beziehungen zu Italien und Finnland.

Die internationale Position Estlands Ende der 30er ist fatal. Im Osten sitzt Stalin und lechzt nach der Einverleibung des Baltikums. Im Westen sitzen die Deutschen, die das Baltikum als Lebensraum im Osten haben wollen, wofür letztendlich alle dort lebenden Menschen (mit Ausnahme der deutsch-stämmigen) ausgerottet werden sollen. Die Deutschen werden unterstützt von Finnland, das ja eine Seegrenze zu Estland hat. Das kleine Estland ist umzingelt von zutiefst aggressiven militärischen Supermächten. Päts ist sich der Situation bewusst zwischen der Sowjetunion und Deutschland umstritten zu sein und erkennt daher, dass ein Krieg zwischen den beiden, der auch um Estland geführt wird, kurz bevor steht. Er versucht nun die Zeit bis zum Ausbruch des Kriegs möglichst schadlos zu überstehen. Er macht viel richtig, hat aber keine Chance.

Estland leistet 1939 Mithilfe bei der Umsiedlung der Volksdeutschen, die im deutsch besetzten Westpolen angesiedelt werden. Der Roten Armee wird gestattet Militärbasen zu errichten, von wo aus diese Ostpolen besetzt. Päts verhindert so vorerst die Besetzung Estlands durch die Sowjetunion. Päts tut alles was die Sowjetunion von ihm will und liefert nicht den Hauch eines Vorwands für eine Besetzung. Die Esten haben aber das Pech, dass Stalin und Hitler in ihrem Pakt ausgemacht hatten, dass Estland zur Sowjetunion gehören soll. Da passt Stalin ein umgänglicher estnischer Staatschef nicht ins Bild und er sorgt für eine völlig unnötige Besetzung.

Päts geht aber immer noch nicht auf Konfrontationskurs und vereidigt einen sowjetischen Statthalter als Premierminister und unterschreibt 200 von diesem ausgearbeitete Dekrete vorbehaltlos. Nach einem Monat wird es Stalin zu doof auf einen Vorwand zu warten und der Präsident, der bereit war der Sowjetunion alles zu geben was diese verlangt, wird in ein Arbeitslager deportiert. Päts ist einer von 60.000 Esten, die während der sowjetischen Besatzung ermordet oder deportiert werden. Von den estnischen Machthabern, die wir hier behandelt haben, überleben nur zwei die sowjetische Besatzung. Einer weil er 1940 Botschafter ist und sich somit außer Landes befindet und der andere ist Päts, der das Arbeitslager überlebt und 1953 nach Schließung der Gulags in eine psychiatrische Klinik gesperrt wird, in der er 1956 stirbt. Diese Vorteilsbehandlung veranlassen Teile der heutigen Rechten Estlands Päts als sowjetischen Agenten zu stigmatisieren.

Autor: Linus Deitermann

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