Estland

Wir lassen uns das dagegegnsein nicht verbieten

Karl-Siegmund Litzmann 1941 – 1944:

Dieser Faschist kämpfte im Ersten Weltkrieg in Polen und wurde mehrfach verwundet. In den 20ern ist Litzmann (Litz heißt übrigens auf Estnisch „Hure“) ein erfolgreicher Agrarkapitalist. 1929 tritt er der NSDAP und der SA bei und steigt in der SA in die Führungsriege auf. 1932 zieht er in den preußischen Landtag ein. Die Nacht der langen Messer überlebt er, weil er im Vorfeld von Hitler persönlich gewarnt wird.

Von 1934 bis Kriegsende ist Litzmann Chef sämtlicher Reiterstaffeln des Reiches. Die Pferde sowohl der Polizei, der SA, der SS, der Wehrmacht und auch die Sportpferde für Olympia 36 stehen unter seiner Verantwortung. Litzmann hat den Titel des Reichsreiterführer und die volle Befehlsgewalt über alle berittenen Einheiten des Reiches, verantwortlich ist er nur dem Führer.

1941 wird die staatliche Ausbildung von Reitern eingestellt und Litzmanns Posten somit überflüssig. Der Krieg wird nun mal nicht zu Pferd geführt.

Litzmann wird zum Kommissar für Estland gemacht, was Teil des Kommissariats Ostland ist. Ostland besteht aus den drei baltischen Staaten und Belarus.

Anders als in den anderen drei Teilen Ostlands gibt es in Estland nur eine kleine jüdische Bevölkerungsgruppe. Vor dem Krieg gibt es 4000 estnischen Juden. Ca. 400 davon werden von den Sowjets nach Sibirien deportiert. Von den 3600 anderen fliehen die meisten gemeinsam mit der Roten Armee vor den Deutschen. Die knapp 1000, die noch da sind als Estland von Deutschland besetzt wird, werden in den ersten Wochen der Besatzung ermordet, sodass Litzmann stolz verkünden kann, dass Estland judenfrei ist.

Die Shoa findet jedoch auch danach noch in Estland statt. Im KZ Vaivara werden rund 20.000 Menschen (vor allem Juden aus Litauen und Lettland) als Zwangsarbeiter gefangen gehalten. In Estland werden insgesamt ca. 10.000 Juden ermordet.

Es gibt in Estland eine weit reichende Kollaboration mit den Nazis. Es beteiligen sich rund 40.000 Esten am Krieg gegen die Sowjetunion. Die meisten unter finnischer Flagge. Dazu gibt es noch 12.000 Esten die sich der SS anschließen.

Widerstand gibt es so gut wie gar nicht. Der Exilregierung in Stockholm gelingt nicht mehr als Flugblätter zu verteilen. Die meisten Kommunisten sind in der UdSSR und kommen erst mit der Roten Armee nach Estland zurück. In kleinem Umfang gibt es Sabotageakte.

Die Befreiung Estlands ist verbunden mit heftigen Kämpfen. Schon ab 1942 gibt es Luftangriffe der Roten Armee auf Estland. Die heftigsten 1944 als Tallinn zu großen Teilen zerstört wird. Bei der endgültigen Befreiung Estlands werden fast 500.000 Rotarmisten und 70.000 Faschisten getötet oder verwundet. 200.000 Esten (Kollaborateure und Zivilisten) kommen in den Kämpfen um.

Die Sowjetunion siegt mit großem Aufwand und rächt sich infolge für die hohen Verluste an der estnischen Zivilbevölkerung. Fast 20.000 Esten werden 1949 deportiert und größtenteils ermordet.

Litzmann muss also aus Estland fliehen und gilt als verschollen. Er ist aber nicht gestorben, sondern taucht etwas später in Ungarn und der Tschechoslowakei auf, wo er wieder gegen die Rote Armee kämpft. Auch dort kann er den Niedergang des Nationalsozialismus nicht aufhalten und landet schließlich bei Flensburg, wo er im August 1945 unter unbekannten Umständen zu Tode kommt.

Autor: Linus Deitermann